Dies ist die Geschichte, die ich im Literaturhaus Frankfurt geschrieben habe, an dieser Stelle möchte ich der Frau Eva Demksi danken, die mir sehr viel Neues gelehrt hat, den anderen Teilnehmern, die schön kritisiert haben und meiner Mutter, die mir auch an der ein oder anderen Stelle geholfen hat.

Und jetzt viel Spaß beim lesen:

Niemals allein


Wissen Sie, ich mache das nicht gerne, ich war zwar als Lebender kein Vorbild und habe mich sicherlich nicht immer an die 10 Gebote gehalten, aber diese Sache ist etwas völlig anderes. Glauben Sie bloß nicht, dass es ein schönes Gefühl ist, körperlos zu sein. Irgendwo zwischen hier und da zu existieren und nichts anderes zu können, als die Aufgabe zu erfüllen, für die man geschaffen wurde. Und wahrscheinlich ist es genau dieser Druck, der einen dazu zwingt die Sache so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen. Andererseits macht es auch einen gewissen Spaß, das ganze Projekt durchzuführen. Es ist die Art, wie er, Thomas, mein Mörder, leidet, nicht kurz, sondern auf eine längere viel schmerzhaftere Art und Weise.
Sie sehen, ich habe einen miesen Charakter, im Leben wie im Tod. Ich glaube die wenigsten Menschen bedauern, dass ich tot bin und wenn sie schon mal von mir gehört haben sollten, bedauern Sie es wahrscheinlich auch nicht.

Erstaunlich, wie einfach es war. Unwillkürlich zeigte sich sein schiefes Lächeln auf den Lippen. Die nun sichtbaren, strahlend weißen Zähne bestätigten sein gepflegtes Erscheinungsbild. Thomas rückte die Krawatte zurecht, eine unbewusste Geste, die ihm selber und den meisten seiner Kollegen gar nicht mehr auffiel. Sie hatten alle mehr oder weniger diesen Tick. Gelassen schaute er sich im Zimmer um, ging ein paar Schritte weiter und ließ den Leichnam mit einem gedämpften Plumps auf den Boden fallen. Von der schweren Last befreit dehnte er sich ausgiebig. Es war dieses Gefühl, fast fliegen zu können, das man bekam, wenn man lange Zeit etwas Schweres getragen hat. Kurz schaute er sich um, ging dann zielstrebigen Schrittes auf eines der kleinen vergitterten Fenster zu und öffnete es. Er horchte einige Zeit auf den Autolärm, den der Wind herübertrug. „Ich habe es geschafft. Ich habe geschafft, was du nie vollbracht hast, Großvater.“ Seine Augen sind starr auf das Portrait des alten Mannes gerichtet. Reglos verharrte er einige Sekunden und schien ein Blickduell mit dem Portrait auszufechten. Obwohl es eigentlich unmöglich war, blickten die kalten Augen aus dem Bild anklagend auf Thomas hinab. Dieser wandte sich ab, ohne sich sicher zu sein, wer der Gewinner dieses Duells sein sollte. Er hob den schweren Teppich an, um ihn zurückzuschlagen. Eine Holztür, die in den Boden eingelassen war, kam zum Vorschein. Thomas öffnete diese unter Keuchen und ein Hohlraum wurde sichtbar, zu dem ein paar niedrige Stufen hinabführten. Grob packte er die Leiche und stieß sie in den Freiraum unter der Falltüre. „Tut mir Leid, Julian, aber du warst im Weg.“ Flüsterte er leise zu der im Dunkeln verschwundenen Leiche. Vermoderte Luft breitete sich in dem Raum aus. Hastig schlug er die Tür zu und rückte den Teppich wieder an seinen Platz. Beinahe fluchtartig verließ er den Raum, scheinbar durch etwas erschrocken.

Sie wollen wissen, wie Thomas so als Mensch war? Nun, ich denke, Sie werden verstehen, dass ich keine allzu hohe Meinung von ihm habe. Aber um ehrlich zu sein, er war ziemlich charakterlos. Nach außen hin war er natürlich der junge Aufstrebende, immer nett, immer freundlich und wissbegierig. Dazu auch noch gutaussehend. Aber eben nur äußerlich, denn seine Nettigkeit und Freundlichkeit war aufgesetzt und sein Wissbegieren handelte von der Gier nach Geld. Sie stellen sich bestimmt die Frage, wie ich das Angefangene beendet habe und vor Ihren Augen steht wahrscheinlich ein Bild von einem Geist mit Ketten und was alles sonst dazugehören muss. Aber diese Zeiten sind vorbei, wie die Menschen entwickeln sich die Geister. Heutzutage wird nicht mehr gespukt, wird keiner mehr erschreckt, man beschränkt sich darauf, einfach da zu sein, stumm, starr und nur für das Opfer sichtbar. Das hört sich vielleicht etwas harmlos an, aber stellen Sie sich vor, dass bei jeder Situation der Geist des Menschen bei Ihnen ist, den Sie umgebracht haben. Sei es auf der Toilette, beim Einschlafen, beim Aufwachen, auf der Arbeit, in der Freizeit, einfach immer und überall. Sie ziehen als Gespenst förmlich seine Blicke auf sich und dadurch kann das Opfer sich nur noch selten oder gar nicht mehr konzentrieren. Weder auf die Arbeit, noch auf die Familie. Und am allerwenigsten auf sich selbst. Es, das Opfer, fängt an zu zweifeln, zu hadern, ob es an Gespenster glauben soll oder nicht, ob man den Mord endlich gestehen soll, damit alles vorbei ist, oder ob man stark genug ist, den Geist ignorieren zu können. Es hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht, nur einmal wären all meine Bemühungen beinahe umsonst gewesen.

Es war eines der feineren Restaurants der Stadt, natürlich nicht das Feinste, dazu war kein Anlass, aber wer hier aß musste auf jeden Fall eine dicke Brieftasche besitzen. Thomas bestellte sich, wie immer, ein Filet Mignon, dazu ein Glas Rotwein. Während er bestellte, führte er die Hand an die Krawatte, lockerte den Knoten, ohne es zu merken. Nachdem auch sein Gegenüber bestellt hatte, zündete er sich eine Zigarette an. Marlboro. Er rauchte ziemlich viel in letzter Zeit. Er tat, als beobachtete er die Menschen in dem Restaurant, die Einrichtung. Die feinen Stoffservietten, kunstvoll gefaltet, die lederbezogenen Stühle, die Kronleuchter an der Decke, mit elektrischen Kerzen und lichtbrechenden Prismen, geschmack- und stilvoll. Die Gäste waren ausnahmslos in teure Anzüge gekleidet. Die einzigen Frauen im Raum waren hübsche, junge Bedienungen, alle gleich angezogen und gleich dezent geschminkt. Nur die Haarfarben waren unterschiedlich. Verstohlen blickte er zu dem Kollegen an seinem Tisch. Ein Herr, in seinen besten Jahren, gepflegtes, betont jugendliche Erscheinung, teure Klamotten und viel Gel in den Haaren, wohl gefärbt, um die grauen Haare zu übertönen. Er war schweigsam, blickte den jungen Mann aber intensiv an. Er erweckte den Eindruck, als haderte er mit sich selbst um etwas. Doch falls Thomas es bemerkte, ließ er sich nichts anmerken. Er drückte die Zigarette aus, zündete sich darauf sofort eine neue an und runzelte die Stirn. „Kommen wir gleich zum Geschäftlichen, Richard, oder wollen Sie erst essen?“ Es dauerte eine kurze Weile, bis der Mann antwortete. „Warten wir noch ein bisschen, Thomas, ist sicher besser so, oder?“ Es war eigentlich keine Frage, denn Richard hatte um dieses Essen gebeten und deshalb lag es an ihm, wann er anfangen wollte über die Aktien zu reden. Thomas hob eine Augenbraue, nickte dann aber und bestellte sich ein neues Glas Wein. Der Rotwein kam gleichzeitig mit dem Essen. Schweigend aßen sie, beide in Gedanken versunken. Thomas, mit welchem Schachzug er die Mehrheit im Aufsichtsrat auf seine Seite bringen könne und Richard, nun, seine Miene war undurchdringlich. Nachdem sie fertig gegessen hatten, legte Thomas seine Serviette auf den Teller. „Also, Richard, Sie wollten mit mir über eine vorteilhafte Partie sprechen?“ Wieder wartete der ältere Mann, bis er antwortete. „Ich weiß, dass Sie Julian umgebracht haben.“ Seine Stimme war hart, fest und voller Überzeugung. Er flüsterte mehr, als dass er sprach, aber die Worte erreichten Thomas wie ein kurzer, scharfer Schmerz. Das wusste er. „Sie haben verstanden, was ich gesagt habe. Sie haben ihn ermordet, kaltblütig, wegen ein paar Kröten mehr auf dem Bankkonto.“ Nach dem kurzen Augenblick der Überraschung zeigte sich Wut auf Thomas Gesicht. „Sie wissen gar nichts, Sie haben keine Beweise und nichts, absolut gar nichts gegen mich in der Hand. Sie sind eifersüchtig, gönnen mir nicht meinen Erfolg, auf den Sie ihr ganzes Leben lang warten können.“ Seine Stimme, obgleich beherrscht von kalter Wut, war gegen Ende lauter geworden, einige der Gäste in dem Restaurant schauten schon leicht irritiert herüber. Thomas blickte nervös um sich, sah Richard etwa seinen ewigen Begleiter, den Geist? Nein, ausgeschlossen. Er schloss die Augen für ein paar Sekunden, wie um sich zu besinnen und stand dann auf. „Es tut mir Leid, Richard, ich dachte, wir könnten gut zusammenarbeiten.“ Mit diesen Worten legte er das Geld für das Essen und den Wein auf den Tisch und ging hinaus.

Es war schön zu sehen, wie er wegen mir immer mehr und mehr trank. Am Anfang ist es gar nicht aufgefallen, aber nach und nach hat er damit sich, seinen Job und seine Familie zerstört. Und irgendwann zog er sich zurück, zu mir. Für ihn existierten nur wir beide. Er trank Whisky, Whisky und Wodka. Er stolperte herum, lallte laut oder leise unzusammenhängende Wörter, war betrunken, stank und sah ungepflegt aus. Unordentlich rasiert, das Hemd aus der Hose hängend und Krawatten trug er sowieso nicht mehr. Obwohl er manchmal immer noch die Hand an die Stelle führte, wo einst der Krawattenknoten saß. Ich denke, Sie wollen wissen, wie es zu Ende ging. Die psychischen Schäden, die ich ihm zugefügt hatte, schienen neben dem Alkohol seinen gesamten Körper zu zerfressen. Wenn er sehr betrunken war, versuchte er mich zu schlagen, schrie mich an, ich solle ihn in Ruhe lassen, verschwinden. Manchmal weinte er auch wie ein kleines Kind, in einer Ecke zusammengekauert, bis er sich erbrach oder vor Erschöpfung einschlief.

Er wusste, dass nun alles vorbei war, er hielt es einfach nicht mehr aus. Er setzte die halbleere Whiskyflasche ab und schrie. Nie hatte er so lange am Stück geschrieen. Er stürzte in das Zimmer, zerrte den Teppich zur Seite, fiel dabei über seine eigenen Beine, rappelte sich aber sofort wieder auf. Zitternd öffnete er die Falltüre und blieb wankend stehen. Unschlüssig, ein letzter Zwist in ihm. Dann stolperte er in den dunklen Raum hinunter, ein süßlicher Gestank nach Verwesung umhüllte ihn, aber er merkte es nicht mehr. Gefasst, beinahe schon ruhig legte er sich neben die Leiche. Thomas Meinung nach war es ein schöner Abschied
von der Angst, dem Ekel , der Schuld und von mir.

© Carl-Justin Schröfel